A Plastic Ocean – Interview mit Filmemacher Craig Leeson

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A Plastic Ocean

Interview der Röchling Stiftung mit Filmemacher Craig Leeson @CraigLeeson

A Plastic Ocean ist eine Abenteuerdokumentation, die in vier Jahren Drehzeit an über 20 Locations entstanden ist. Craig Leeson und Tanya Streeter haben mit einem Team internationaler Wissenschaftler die Ursachen und die Konsequenzen der Vermüllung unserer Ozeane mit Plastik dokumentiert. Sie zeigen aber auch Lösungen auf.

Die Erde gilt als der “blaue Planet” – über 71 Prozent der Erdoberfläche besteht aus Wasser. Die weitreichende Bedeutung der Ozeane scheint eindeutig, dennoch sorgt sich die Menschheit nicht ausreichend für ihren Erhalt. Als Surfer haben Sie eine besondere Beziehung zum Ozean. Warum und an welchem Punkt in Ihrem Leben haben Sie entschieden, dass Sie beim Projekt „A Plastic Ocean“ mitwirken möchten?

Die Produzentin des Films, Jo Ruxton, rief mich eines Tages an und fragte, ob ich beim Surfen, Tauchen und Filmen im Ozean viel Plastik sehen würde. Ich sagte zu ihr, dass ich mich ehrlich gesagt nicht erinnern könnte, überhaupt welches gesehen zu haben. Jo erzählte mir dann vom Nordpazifikwirbel und dass der Segler Charles Moore unheimlich viel Plastik im Inneren des Wirbels gefunden hat. Während sie dorthin ging, um das Problem zu erforschen, entschloss ich mich, mein eigenes Umfeld in Bezug auf Plastik näher zu betrachten. Was ich fand, schockierte mich – nicht nur die Mengen an Plastik, die ich gesehen habe, sondern auch die Tatsache, dass es mir zuvor nicht aufgefallen war. Mir wurde klar, dass Plastik ein so wesentlicher Teil meines Lebens geworden war, dass er mir schon unsichtbar erschien. Als Jo von ihrer Expedition zurück kam und mir erzählte, dass sie durchschnittlich 46.000 Plastikstücke pro Quadratmeile im Nordpazifikwirbel gefunden haben, wurde uns beiden deutlich, dass wir auf eine bedeutende Sache gestoßen waren. Über diese Problematik gab es nur wenig Forschung und noch weniger Wissenschaft, also beschlossen wir, dass wir es selbst in die Hand nehmen mussten.

Was waren für Sie die größten Erkenntnisse während des Drehs, die Sie besonders in die Öffentlichkeit tragen möchten?

Wenn man sich die Zahlen anschaut, wie viel Einwegplastik wir konsumieren, beginnt man erst, die Tragreiche des Problems zu begreifen. Dieses Jahr werden wir 300 Millionen Tonnen Plastik produzieren, die Hälfte davon ist Einwegplastik und hat eine Verfallszeit von zwölf Minuten. Führen Sie sich das mal vor Augen. Zwölf Minuten, und dann wird es weggeschmissen. Aber wo ist „weg“? Es gibt kein “weg”. Wir mussten feststellen, dass Plastik seinen Weg in unsere Umwelt findet – acht Millionen Tonnen gelangen jährlich in unsere Ozeane. Auf diese Weise gelangt es in unsere Nahrungskette und kommt so zurück zu uns und ist Ursache sämtlicher gesundheitlicher Probleme. In den USA allein wissen wir von 92,7 Prozent aller Amerikaner, die Chemikalien in Verbindung mit Plastik in ihren Körpern haben. Ihre Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren haben doppelt so viel. Das rührt daher, dass Frauen bei der Geburt und während des Stillens Nährstoffe und Gifte abgeben, um ihre Kinder zu ernähren. Somit starten Kinder mit einer automatischen Aufnahme von Giftstoffen ins Leben. Als wir mit diesem Projekt begonnen haben, dachte ich, es wird lediglich um die Schädigung unserer Ozeane handeln. Aber was wir herausgefunden haben reicht weiter – wir vergiften uns selbst und unsere Kinder in einem Maße, das sogar Geschlechtsveränderungen hervorrufen kann.

Welche Momente waren die frustrierendsten und schockierendsten für Sie während der Aufnahmen?

Am meisten hat mich die Leichenschau schockiert, die wir an den Meeresvögeln Sturmtaucher durchgeführt haben. Die Mägen der Babies zu öffnen und zu sehen, wie viel Plastik sich darin befand war herzzerreißend. Sie wurden von ihren Eltern damit gefüttert, weil diese es tragischerweise im Ozean für Nahrung gehalten haben. Ihre Mägen füllen sich mit Plastik, sie hören auf zu essen und sterben schließlich an Verhungern. In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich persönlich verantwortlich bin. Die Flaschenverschlüsse und Luftballons, Golf-Tees und andere Kleinigkeiten und Teile, die ich in den Vögeln sah, hätten auch aus meinem Müll stammen können.

Gab es auch hoffnungsvolle Momente?

Wir bemerkten, dass unser Filmmaterial und unsere Geschichten so konfrontierend war, dass wir die Menschen mit einem Gefühl von Hoffnung verlassen mussten. Also konzentrierten wir uns im gesamten dritten Teil des Films auf Lösungen. Wir wollten den Menschen das Gefühl geben, dass jeder für sich die Macht hat, etwas zu verändern.

Sehen Sie sich als Aktivist?

Das ist eine interessante Frage und eine, die ich mir immer wieder gestellt habe, seitdem der Film abgeschlossen ist. Als Journalist präsentiere ich immer Blickwinkel aller Seiten einer Geschichte. Ich denke, mit „A Plastic Ocean“ haben wir das auch getan. Aber ich hatte durchaus das Gefühl, dass dieses Thema eine Stimme braucht. Daher war ich sehr aktiv auf öffentlichen Foren, Schulen und mit Unternehmen, Bänkern, Politikern und Pädagogen und habe neue Lösungen erforscht und geholfen, dass das Thema öffentlich wird. Ich denke, dieses Thema hat verändert, wer ich bin. Und der Film scheint jeden, der ihn schaut, zu verändern. Er ist sehr kraftvoll, verstörend und konfrontierend und macht uns auf Probleme aufmerksam, von denen wir nicht wussten, dass sie existierten.

Inwiefern sind die Risiken irreversible? Können wir die Situation retten?

Das Problem mit Plastik ist, dass es das beständigste Produkt ist, das wir je geschaffen haben. Wie kann etwas so Beständiges zum Wegwerfen produziert werden? Jedes einzelne Stück Plastik, was jemals hergestellt wurde, ist in irgendeiner Form immer noch auf unserem Planeten. Und zwar an Orten, zu denen wir nicht einmal gelangen. Im Film illustrieren wir das indem wir eine U-Boot-Tour auf den Grund des Mittelmeeres machen, wo wir Felder voller Plastikflaschen und Tüten finden. Da dort weder Licht, noch Sauerstoff oder Wellen herrschen, bleibt der Müll dort auf Ewig erhalten und wir haben derzeit keine Möglichkeit, das zu ändern.

Wie können wir Taten sprechen lassen und gegen weitere Umweltverschmutzung durch Plastik vorgehen, die Tiere tötet und letztlich erhebliche gesundheitliche Folgen für uns hat?

Als erstes müssen wir Einwegplastik verbannen. Sobald wir es als giftig deklarieren, können wir es mit einer Menge Gesetze regulieren, die es bereits gibt. Im Einzelnen muss jeder seine Gewohnheit der Nutzung von Einwegplastik-Produkten brechen. Ich benutze zu Hause keine Trinkhalme, warum brauche ich sie dann im Restaurant? Brauche ich eben nicht. Verpacktes Wasser ist eines der größten Marketing-Schwindel unseres Jahrzehnts. Tragen Sie eine Stahlflasche mit sich und nutzen Sie sie auch, wenn Sie sich Kaffee holen. Packen Sie im Supermarkt die in Plastik eingepackten Lebensmittel aus und lassen Sie das Plastik an der Kasse stehen. Warum sollten Sie es mit nach Hause nehmen und verantwortlich für die Entsorgung sein, wenn Sie es nicht einmal brauchen? Sprechen Sie mit Ihren lokalen Politikern und veranlassen eine Veränderung, wie Plastik recycled wird, so dass es nicht mehr als Müll sondern aus Ressource gesehen wird. Gehen Sie auf www.plasticoceans.org, laden Sie den Film runter und sagen Sie Ihren Freunden, sie sollen das Gleiche tun. Spenden Sie an die Stiftung, so dass sie weiterhin ihrer Bildungsarbeit in Schulen bezüglich dieses Themas nachgehen kann. Sprechen Sie mit anderen Personen, wie z. B. Kellnern, und fragen Sie nach Alternativen für Plastik, wenn Sie Ihr Essen mitnehmen. Jeder einzelne von uns kann etwas bewegen.

Wie hoffen Sie, wird “A Plastic Ocean” seine Zuschauer beeinflussen? Was wünschen Sie sich in Bezug auf Umweltbewusstsein?

Bei so gut wie jeder öffentlichen Filmvorführung habe ich Menschen weinen gesehen. Ich bekomme jeden Tag E-Mails von Menschen weltweit, wie sehr sie die Botschaft des Films berührt hat. Eine Frau sagte, dass sie sich fast geschieden hätte, weil ihr Mann dachte, sie sei verrückt geworden, als sie nach dem Film alle Plastikartikel in ihrem Haus weggeworfen hat. Offen über dieses Problem zu sprechen ist unheimlich wichtig. Aber die Filmbotschaft ist noch größer als die Plastik-Problematik. Der Film erinnert uns, dass wir eine sehr zerbrechliche Umwelt haben – mit Systemen, die zu unserem Vorteil arbeiten und uns am Leben erhalten. Wenn diese Systeme zusammen brechen, dann sterben wir alle. Es ist so einfach, wie es klingt. Es gibt keine “Alternative-Erde”. Es gibt keinen anderen Ort, zu dem wir ausweichen können. Wir stecken alle gemeinsam in dieser Sache und unsere Ressourcen sind endlich und anfällig.

Wo können wir uns den Film anschauen?

Wir bitten alle, den Film von unserer Website www.plasticoceans.org runter zu laden, da die Spenden zur fortwährenden Arbeit der Stiftung beitragen. Er ist auch auf iTunes (wo er Platz 1 in den USA, Großbritannien und Kanada belegt hat). Auch auf Netflix ist er auch verfügbar – durch die Unterstützung von Leo DiCaprio.